Belize

Rein technisch gesehen liegt Belize auf der schmalen Landbrücke zwischen dem nördlichen und südlichen Teil des amerikanischen Kontinents, die in Deutschland Mittel- und hierzulande Centroamerica genannt wird. Eigentlich müsste Belize jedoch ein paar Hundert Kilometer weiter draußen auf See, als kleines Eiland inmitten des karibischen Meeres liegen. Zu groß, zu hervorstechend ist einfach das karibische Flair im ehemaligen Britisch-Honduras, das irgendwann im 17. oder 18. Jahrhundert von den Freibeutern der britischen Krone von den Spaniern erobert wurde und erst 1981 seine offizielle Unabhängigkeit und Staatsgründung feiern durfte. Jaja, so lange ist der Kolonialismus noch gar nicht her.

Niemand hat die Kokosnuss geklaut.

Niemand hat die Kokosnuss geklaut.

Die Auswirkungen des Kolonialismus hingegen sind bis heute zu spüren. Nicht nur das Belize weiterhin Teil des Commonwealths ist und die Queen die Scheine des Belize-Dollars ziert, der mit einem Wechselkurs von 2:1 fest an den US-Dollar gekoppelt ist, was den Aufenthalt im Land doch recht teuer macht. Auch die großen Zuckerrohrplantagen und der große schwarze Bevölkerungsanteil, die Nachfahren der Sklaven, die von den Briten zur Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern hierher gebracht wurden, erinnert einen eher an Haiti oder Jamaica als an das direkt nebenan gelegene Guatemala. Überall laufen Rastas durch die Straßen und obwohl Englisch die offizielle Landessprache ist, hört man an allen Ecken Kreolisch, dieses breitgekaute Irgendwas eines dem Englischen entlehnten Lingos. De facto ist Belize dreisprachig – neben Hochenglisch und Kreol hört man auch oft spanisch, ein Umstand der den vielen mexikanischen und guatemaltekischen Einwanderern geschuldet ist. Auch der spanische Kolonialismus ist in Belize eben nach wie vor zu spüren, zuletzt Anfang des 20. Jahrhunderts, als während des Unabhängigkeitskrieges der Maya viele Flüchtlinge aus Mexiko, dass sich nunmehr endgültig die Kontrolle über die Yucatanhalbinsel aneignete, nach Belize kamen. Aber ich schweife ab. Am präsentesten ist im Land auf jeden Fall das Kreol, das wirklich verdammt witzig klingen kann, wenn es nicht aus dem Mund eines knapp zwei Meter großen schwarzen Hünen mit Dreadlocks, sondern einer ca. 1.50 kleinen, schmächtigen Chinesin kommt, einer weiteren relevanten Minderheit im Land.

Hinter jeder Ecke ein weißer Sandstrand.

Hinter jeder Ecke ein weißer Sandstrand.

Aber auch andere Anzeichen weisen darauf hin, dass man beim Grenzübertritt Mittelamerika verlassen hat und in der Karibik angekommen ist. Wo vorher ausschließlich aus Stein gebaute Häuser die Straßen säumten, sieht man nun auch viele Gebäude aus Holz. Einige davon, vor allem in Belize City, sind schon halb verottet. Dennoch wohnen noch Menschen in Ihnen – Belize ist in der Breite alles andere als ein reiches Land, auch im Vergleich mit seinen mittelamerikanischen Nachbarn. Wo vorher Salsa und Norteno aus Lautsprechern wummerte, hört man nun den ganzen Tag lang Reggae. Nur eine kurze nachmittagliche Periode aus Dancehall und Punta-Arschgewackel durchbricht den Reggaeflow, in dem einen die Menschen schonmal anschreien, man möge doch bitte etwas langsamer sein. Wo vorher Mezcal und Tequila ausgeschenkt wurden, werden die Kneipen nun vom Rum dominiert, der dank des vielen Zuckerrohrs im Land nicht nur verdammt lecker, sondern auch lachhaft günstig ist. Wo vorher Tacobuden und Hamburguesa-Straßenstände das Bild bestimmten, wird nun ausschließlich Fisch, Hummer, Hühnchen, Schweinerippchen und die allgegenwärtigen in Kokonussmilch gekochten Reis und Bohnen gegessen. Klingt lecker, oder? Ist es auch, zumindest bis zu dem Punkt, an dem man bemerkt, dass mit ausschließlich auch wirklich ausschließlich gemeint ist. Es gibt einfach nichts anderes. Obst? Sucht man meist vergeblich. Gemüse? Schlichtweg nicht vorhanden. Die Gemüsebeilage zu einem klassischen Rice & Beans mit Hühnchen – meistens ein kleiner Klecks Kartoffel- oder Nudelsalat. Jawohl, Nudelsalat als Gemüsebeilage. Vergesst Hummer, es braucht nur eine Woche und eine einzelne Avocado kommt einem vor wie ein kleines Stück vom Paradies.

Gegrillter Hummer. Dazu Reis, Bohnen und Nudelsalat.

Gegrillter Hummer. Dazu Reis, Bohnen und Nudelsalat.

Auf auffälligsten wird das karibische Flair jedoch von der Karibik selbst verbreitet. Weiße, palmengesäumte Sandstrände. Knalltürkises, badewannenwarmes Wasser. Mannsgroße Meeresschildkröten, Haischwärme und lebende Korallenriffe. Die vorgelagerten Inseln und Inselchen von Belize sind ein Traum aus einem karibischen Tourismuswerbeprospekt. Die größte und am besten erschlossene dieser Inseln ist Caye Caulker, das nicht ohne Grund Teil des „Gringo Trails“ ist, eines inoffiziellen Pfades, der einige Sehenswürdigkeiten in Mittel- und Südamerika zusammen bindet und auf dem wir somit unbeabsichtigt auch teilweise entlang geritten sind. Wie bei eigentlich allen Orten, die auf diesem Gringo Trail liegen, verfügt Caye Caulker über eine ausgesprochen gute Backpackerinfrastruktur, bessere sanitäre Anlagen und eine deutlich höhere Hippiequote als der Rest des Landes. Ehrlich gesagt, solange jemand nicht nur ausschließliche solche Hippiehochburgen besucht und dann auch noch ausschließlich innerhalb der vier Wände seines Hostels in seiner Sonne und Mond-Eso-Community bleibt, ist mir ein solcher Ort allemal lieber als das breitbeinig proletende Cancun oder all die anderen vermeintlichen Partyhochburgen. Und eine Dormschlafpflicht wurde zum Glück ja auch noch nicht eingeführt.

Sind (Nord-)Mexikaner die besseren Deutschen?

Um sofort einem Missverständnis vorzubeugen: Diese Frage ist nicht ironisch, sie ist völlig ernst gemeint! Bei Gott, es gibt einfach so viele Hinweise darauf, dass Mexikaner schlicht und ergreifend die besseren Deutschen sind. Denn zumindest im Norden Mexikos wurde deutsches Kulturgut bewahrt, perfektioniert und wird auch heute noch mit einem unbändigen Stolz zur Schau getragen.

Erstes Beispiel: Blasmusik. Gibt es eine deutschere Fernsehshow als den Musikantenstadl? Eben. Und in Mexiko, zumindest im Norden, wird der Tuba noch die Ehre zuteil, die sie verdient. Da schallt es und pumpt aus unzähligen Lautsprechern im Rhytmus des norteño, der Blechblasinstrumente und der Akkordeons und das ganze klingt in seinen popigsten Momenten dann so. Habt ihr bemerkt wieviele Aufrufe das Video hat? Das ist hier WIRKLICH populäre Musik. Aber nicht nur in seinen glattgebügelten Ausprägungen für ein RTL-affines Publikum. So wird auch schonmal ganz politisch motiviert geblasen, wie ihr hier hören und sehen könnt. Alles in allem finde ich, dass #mexikofürmoik in 2016 ganz groß durchstarten sollte. Zurück zu den Wurzeln deutschen Musikgutes, hin zu einer Mexikanisierung der bundesdeutschen Radiolandschaft! Pfüat di!

Wenn dieses mexikanische Krokodil groß ist, würde es gerne Karl Moik kennen lernen.

Wenn dieses mexikanische Krokodil groß ist, würde es gerne Karl Moik kennen lernen.

Und was passt besser zu einer guten Portion Humpamusik? Richtig, eine Maß Bier! Gut, dass auch dieser Umstand im Norden Mexikos bedacht wurde. Ok, manchmal kommen die Bierkrüge dabei auch mit Tomatensaft, Limette und Chilirand als Michelada daher, aber zumindest einem Teil der agency schmeckt auch diese Kombination ganz hervorragend. Über die Grausamkeiten, die mithilfe von Mango an Bier verübt werden dürfen, müssen Deutsche und Mexikaner sich zwar noch einmal ausgiebig unterhalten, aber hey, in meinem Studentenjob in einem deutschen Getränkemarkt war mir auch schonmal ein Becks mit Cappuccino-Aroma vor die Nase gelaufen. Wie heißt es schön: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.

Also, es wurde ordentlich Maßbier getankt und im Hintergrund spielen die Wildecker Herzbuben einen zünftigen mexikanischen norteño – auf welchen Gedanken würde ein guter Deutscher denn jetzt als nächstes kommen? Richtig, erstmal eine Polonaise starten! Gut, spätestens jetzt werden geneigte Leser_innen bemerken, dass dieser Text so ganz ernst auch nicht gemeint ist. Trotzdem muss hier gesagt werden, dass selbst in einem ganz unverdächtigen Laden wie der Mezcaleria Pare de Sufrir in Guadalajara, wo Menschen Mezcal und Bier trinken, Orangen mit Chilisalz schlozen und zu ganz angenehmen Salsaklängen tanzen, wie aus dem Nichts heraus eine Polonaise geformt wurde. Verstörendes Mexiko.

Nicht der mexikanische Siegelhopfen. Dafür Grundlage für lecker Mezcal.

Nicht der mexikanische Siegelhopfen. Dafür Grundlage für lecker Mezcal.

Eine weitere Sache, die die Nähe der Mexikaner zur deutschen Volksseele (muahaha) zeigt, ist der offensichtliche Hang zu Weltschmerz, Verzweiflung und Schwarzmalerei. Jeder der das bezweifelt möge sich einen beliebigen mexikanischen Schlager übersetzen. Kostprobe gefällig? Hier die Übersetzung eines Teils von „La Camisa negra“:

Scheint so, als wäre ich jetzt wieder allein. / Du hast mich nach Strich und Faden belogen. / Was für ein verdammter Tag, an dem ich dich traf, / und vom starken Gift deiner Liebe trank.

Du hast mich mit Schmerz und Sehnsucht nach dem Tod sitzengelassen. / Ich habe den bitteren Hauch des Abschieds eingeatmet. / Seitdem kann ich nur noch schwarze Hemden tragen. / Das Abbild meiner Seele.

Starker Tobak, hmm? Der Unterschied ist nur: Hier wird das Ganze zu jeder sich bietenden Gelegenheit von Dutzenden Kehlen so enthusiastisch intoniert, wie es sonst eigentlich nur hormonverstörte Teenanger unter der Dusche zustande bringen würden. Das gleiche zu den Feierlichkeiten zum Dia de los Muertos, zum Tag der Toten. Da werden riesige Altäre gebaut, der Verstorbenen, der Vergänglichkeit und des allgegenwärtigen Todes gedacht, das ganze aber nicht ernst, bedächtig und betroffen aufgezogen, sondern das Lachen aus dem Keller geholt und mit Zuckertotenköpfen, Kinderschminke und Parties verziert. Wenn das nicht die bessere Variante von Weltschmerz ist, dann weiß ich auch nicht weiter.

Natürlich hat auch dieser Text keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, daher sei nur noch erwähnt, dass noch viele weitere Beispiele für die Seelenverwandschaft von Mexikaner und Deutschen gefunden werden könnten, etwa die Vorliebe der Mexikaner für den VW Jetta. Zwar scheint die pure Menge Eiscreme, die viele Mexikaner jeden Tag verdrücken, auch auf eine gewisse Affinität zur La dolce vita hinzuweisen und die Nähe zu Spanischen Traditionen und die Vielfalt der indigenen Kulturen sind nun auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Dennoch muss an dieser die deutliche Forderung formuliert werden, dass Pegida und Konsorten erstmal eine ordentliche Deutschlehre in Mexiko absolvieren sollten, bevor sie weiter die Schutzbedürftigkeit der deutschen Leitkultur proklamieren dürfen. Wobei, das kann man ja auch niemandem zumuten.