Von Chickenbussen, Kaffee und nicht immer freundlichen Menschen

Rio Dulce

Das erste Land auf unserer Reise, zu dem mein Fazit durchaus gemischt ausfällt. Wir sind jetzt ja ohne eigenes Auto unterwegs (dazu ein anderes Mal mehr), was vor allem bedeutet, dass wir nicht mehr alleine und unabhängig dahin fahren können, wo wir hinwollen. Wo wir auch schon beim großen Problem wären, was ich mit Guatemala hatte. In Flores im Norden von Guatemala, einer Region, wo es außer den weltberühmten Ruinen von Tikal nichts gibt, mit dem man groß Geld verdienen kann. Außer halt Touristen, die kommen dafür aber zuverlässig und haben mehr Geld, als die allermeisten Einheimischen. Und das merkt man leider auch. Die Hostelpreise sind total überzogen und man muss sich wirklich anstrengen, an gesicherte Informationen zu kommen. Es war mir zum Beispiel trotz guter Spanischkenntnisse nicht möglich, herauszufinden, welches der preiswerteste Bus von Flores zur Weiterreise nach Rio Dulce ist. Am Ende mussten wir dann irgendeinen nehmen, von dem ich glaube, dass wir damit noch gut weggekommen sind. Wenn man im Internet recherchiert, finden sich jedenfalls die haarsträubensten Geschichten und Berichte. Ich war daher sehr froh, dass wir schon vorher beschlossen hatten, uns Tikal zu klemmen, weil wir beide keine Lust mehr auf überteuerte alte Steine hatten. Somit waren wir nur zwei Nächte in Flores (die Stadt selbst ist ganz ok, aber keineswegs so schön, dass sie alleine einen Besuch rechtfertigt). Tikal hingegen muss wirklich beeindruckend sein, ich bereue aber trotzdem nichts.

Unser nächster Stop war dann Rio Dulce, pittoresk an einem Arm der Karibik gelegen. Bis zum offenen Meer sind es ein paar Kilometer, deswegen ist es hier relativ sturmgeschützt. Die Lage des Örtchens zieht Segler_innen aus aller Welt an und man sieht sehr viele Boote mit us-amerikanischen oder kanadischen Flaggen. Ansonsten ist das Örtchen selbst nicht viel mehr als eine belebte Straßenkreuzung. Tragischerweise konnten wir hier nur eine Nacht verbringen. Unsere Unterkunft war wunderschön am See gelegen und nur mit einer Lancha (Böötchen) zu erreichen. Hier hätte ich gerne noch einen Tag mehr verbracht.

Rio Dulce

Irgendwie scheint es ein Naturgesetz zu sein, dass jeder Staat in Mittelamerika eine besonders gut erhaltene ehemalige spanische Kolonialstadt auf seinem Gebiet hat, die scharenweise Touristen aus aller Welt anzieht. In Guatemala heißt diese Stadt Antigua und auch wir haben dort natürlich vorbeigeschaut. Antigua ist tatsächlich ein hübsches Städtchen, viele der alten Gebäude sind von den vielen Erdbeben irgendwann teilweise zerstört worden, aber das macht sie ehrlich gesagt nur noch hübscher. Zudem punktet Antigua mit einer hübschen Lage am Fuße eines Vulkans, den man von fast jedem Ort in der Stadt sehen kann. Ansonsten gibt es hier vorallem eine hervorragende Gringo-Infrastruktur: Viele Unterkünfte für jedes Budget, Kneipen, Restaurants, gute Cafés und viele Tourenanbieter, die einen mit ihren Bussen hin- und herfahren. Fortbewegung in Guatemala ist nämlich so eine Sache. Es gibt wie in jedem Land hier so genannte „Chickenbusse“, meistens ausrangierte Schulbusse aus den USA. Diese haben in der Regel einen Fahrer und einen Assistenten, der den Fahrpreis kassiert, das Gepäck auf dem Busdach befestigt und vor allem an jeder Kreuzung laut darüber informiert, wohin dieser Bus fährt. Das Busfahrer-Assistenten-Tandem fährt auf eigene Rechnung, entsprechend gibt es auch keine Fahrpläne, sondern der Bus fährt, wenn er voll ist. Und „voll“ bedeutet nicht nur, dass jeder Sitzplatz besetzt ist, sondern auch, dass der Gang gerammelt voll ist. Zuweilen stehen Menschen in der Tür und manchmal sitzt auch jemand auf dem Dach. Über diese Art der Fortbewegung gibt es wie immer zwei Meinungen: Die einen halten das Reisen im Chickenbus für das einzig Wahre, die andern befinden es für viel zu gefährlich. Meine persönliche Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen: Sicher wird hier eher etwas geklaut und die Fahrzeuge sind nicht immer im besten Zustand, aber andererseits ist das Reisen so sehr billig und besonders bequem sind Shuttles auch nicht. Wir sind in Guatemala trotzdem oft Shuttle gefahren, was vor allem daran lag, dass die einen ohne Umsteigen von A nach B bringen und das Reisen so schneller geht. Gerade umsteigen ist mit unseren riesigen Rucksackimmobilien eine logistische Meisterleistung. Aber ich schweife ab.

Lago Atitlan

Von Antigua aus ging es für uns an den Lago Atitlan, eingeschlossen von Vulkanen und anderen hohen Bergen im Hochland von Guatemala gelegen. Hier wächst der beste Kaffee, den ich in meinem Leben bisher getrunken habe. San Pedro, das Dörfchen, was für 3 Nächte unser Zuhause war, ist ein wahrgewordener Hippietraum. Entsprechend viele haben sich hier niedergelassen. Und so kann man als Tourist zwischen vielen verschiedenen Restaurants wählen. Es gibt hier zum Beispiel ein paar israelische Läden und am Sonntag kann man am Schwimmbad des Ortes ein echt amerikanisches BBQ genießen. Unterkünfte und Essen sind nicht gerade teuer, weswegen es auch viele junge Backpacker hierhin zieht. Wir haben in San Pedro mal wieder versucht, einen Vulkan zu besteigen. Schon in Antigua waren wir auf einem, dort hatten wir aber großes Pech mit dem Wetter und man hat nichts von der versprochenen Aussicht gesehen. In San Pedro hatten wir Glück und wurden nach einem sehr anstrengenden Aufstieg mit einem großartigen Ausblick belohnt. Leider hat die heldenhafte Schreiberin dieser Zeilen die Kamera in der Unterkunft vergessen, deswegen gibt es nur die nicht ganz so beeindruckenden Handyfotos zu sehen.

Kaffeepflanze

Ich hätte ohne Probleme noch weitere Wochen in Guatemala verbringen können. So waren wir zum Beispiel gar nicht im „richtigen“ Hochland und auch die karibischen Städte an der Atlantikküste müssen wir uns ein anderes Mal ansehen. Und ich verstehe, warum Guatemala so beliebt ist. Das Land ist relativ kompakt und dennoch sehr abwechslungsreich, es verfügt über eine reiche präkolumbische Geschichte und Lebensmittel und Unterkünfte sind verhältnismäßig billig. Wir hatten in Guatemala überhaupt keine Probleme, wurden nicht ausgeraubt und außer in Flores sind wir auch nur freundlichen, hilfsbereiten Menschen begegnet. Gerade in sehr touristischen Ecken muss man aber wie ein Schießhund aufpassen, dass man nicht übers Ohr gehauen wird – und damit meine ich nicht, dass man ein bisschen mehr für seine Flasche Wasser bezahlt. So etwas ist ja fast normal und auch hinnehmbar. Aber bevor man ein Busticket kauft oder irgendetwas anderes teures bucht, muss man zwingend mehrere Meinungen einholen und sich am Besten auch noch im Internet informieren. Daraus resultiert bei mir ein gewisses Grundmisstrauen, was ich anstrengend finde.